Feuerfisch im Korallenriff
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Feuerfisch in Bermuda: Eine Invasion, die bleibt

Er ist einer der schönsten Fische im Meer. Langgezogene Flossenstrahlen, ein Streifenmuster aus Rot, Weiß und Braun, eine fast majestätische Erscheinung im blauen Wasser. Wer dem Feuerfisch beim Tauchen in Bermuda begegnet, versteht sofort, warum er in Heimaquarien weltweit so beliebt ist. Genau das ist das Problem. Der Rotfeuerfisch, auf Englisch Lionfish, kam aus dem Aquarium. Und er ist leider gekommen, um zu bleiben.

Bermuda 2000: Der erste Eindringling taucht auf

Feuerfisch im Korallenriff

Ursprünglich zu Hause in den tropischen Gewässern des Indo-Pazifiks, tauchte der Rotfeuerfisch ab 1985 erstmals vor der Küste Floridas auf. Wissenschaftler gehen davon aus, dass er durch Freisetzungen aus Heimaquarien in den Atlantik gelangte. Was danach folgte, war eine der schnellsten marinen Invasionen, die je dokumentiert wurden. Von Florida aus verbreitete er sich nordwärts entlang der US-Ostküste und erreichte den Lebensraum rund um Bermuda um das Jahr 2000. Dann drang er Schritt für Schritt durch die gesamte Karibik bits nach Brasilien vor. Das erste Exemplar in Bermuda wurde im Sommer 2000 in einem Gezeitenbecken in Devonshire Bay gefangen. Offiziell registriert wurde der Fund im April 2001. Damals schien die Lage noch überschaubar. Einzelne Tiere, vereinzelte Sichtungen. Niemand ahnte, was in den nächsten Jahren folgen würde.

Warum der Feuerfisch so schwer zu stoppen ist

Um zu verstehen, warum der Lionfish so gefährlich für ein Ökosystem ist, muss man seine Biologie kennen. Einheimische Meerestiere im Atlantik kennen ihn einfach nicht. Sie erkennen ihn nicht als Bedrohung und fliehen somit auch nicht. Der Feuerfisch muss seine Beute nicht verfolgen. Er wartet einfach ab, bis sie nahe genug heranschwimmt und schnappt zu. Das funktioniert mit erschreckender Effizienz. Forscher haben gemessen, dass ein einziger Feuerfisch auf einem Korallenriff die Nachwuchsrate einheimischer Rifffische um bis zu 79 Prozent senken kann. Das ist kein gradueller Rückgang, das ist ein Einbruch. Studien auf den Bahamas zeigten, dass sich die Biomasse der Beutefische innerhalb von nur zwei Jahren um 65 Prozent verringerte, sobald sich eine Feuerfisch-Population etabliert hatte.

Dazu kommt eine Reproduktionsrate, die jeden Bekämpfungsversuch zur Sisyphusarbeit macht. Feuerfische werden bereits nach einem Jahr geschlechtsreif und laichen das ganze Jahr über, ungefähr alle vier Tage. Ein einzelnes Weibchen produziert bis zu zwei Millionen Eier pro Jahr. Feuerfische wachsen in Bermuda auf eine Größe von bis zu 47 Zentimeter Körperlänge heran, wobei das Weltrekordexemplar mit knapp 48 Zentimetern ausgerechnet in bermudianischen Gewässern gefangen wurde. In Gebieten mit hoher Dichte können Feuerfisch-Populationen auf einer Fläche von der Größe eines halben Fußballfeldes bis zu 460.000 Beutetiere pro Jahr konsumieren. Bestände wichtiger Rifffische wie Papageienfisch und Lippfisch gehen dabei um bis zu 90 Prozent zurück. Diese Fische sind keine Dekoration. Sie halten das Riff lebendig, indem sie Algen kontrollieren und das Gleichgewicht der Gemeinschaft sichern. Fallen sie weg, wächst die Alge über die Korallen, und das Riff stirbt langsam ab.

Feuerfisch-Plage: Zwischen 2012 und 2015 explodiert die Population

Obwohl Feuerfische in Bermuda seit 2001 bekannt waren, blieb die Population zunächst gering. Zwischen 2012 und 2015 explodierte sie allerdings. Technische Taucher hatten bereits 2009 in den sogenannten mesophoten Tiefenzonen, also in Bereichen zwischen 30 und 150 Metern, hohe Dichten entdeckt. Dort wurden Werte von bis zu 1.100 Fischen pro Hektar gemessen. Zahlen, die selbst erfahrene Meeresbiologen alarmierten.

Die Tiefe ist dabei das zentrale Problem der gesamten Bekämpfung. Normale Sporttaucher kommen bis auf rund 20 bis 30 Meter. Technische Taucher schaffen mehr, aber nicht ohne erheblichen Aufwand und erhebliche Kosten. Der Kern der Lionfish-Population sitzt tiefer, sicher, unerreichbar und reproduziert sich ungestört.

Bermuda erklärt dem Feuerfisch den Krieg

Organisiertes Culling, also das gezielte Abschießen mit Harpunen, begann offiziell 2008. Das erste öffentliche Turnier folgte 2011. 2012 wurde die Bermuda Lionfish Task Force gegründet, die seitdem Forschung, Aufklärung und Jagdprogramme koordiniert. Wer Feuerfische jagen will, braucht eine staatliche Genehmigung. Das ist kein bürokratisches Hindernis, sondern Qualitätssicherung. Nur wer weiß, wie man mit einem Tier mit 18 Giftstacheln umgeht, sollte es in die Hand nehmen.

Die jährlichen Winter-Derbys im Januar, wurden zum Herzstück der Community-Mobilisierung. Die Zahlen zeigen, wie ernsthaft Bermuda dieses Problem angeht. Im Winter-Derby 2019 fingen 68 Teilnehmer 849 Feuerfische, ein Anstieg von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2020 überstieg die Fangzahl im Derby erstmals die 1.000er-Marke, 1.072 Tiere in einem einzigen Monat. 2021 erreichte das Winter-Derby mit 1.215 gefangenen Feuerfischen durch 74 aktive Teilnehmer einen neuen Rekord. Insgesamt verzeichnet die Bermuda Lionfish Task Force inzwischen über 28.000 gemeldete oder entfernte Tiere. Eine beeindruckende Zahl. Zugleich ein Hinweis darauf, wie viele noch draußen sind.

Roboter jagt Feuerfische in 300 Metern Tiefe

Da klassisches Tauchen im Tiefwasser an seine Grenzen stößt, entwickelte das Bermuda-Unternehmen Atlantic Lionshare eine eigene Antwort auf das Problem. Der „Reef Sweeper“ ist ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug mit einfahrbarer Harpune, das Feuerfische einzeln identifiziert, fängt und in einem Käfig an die Oberfläche bringt. Das System arbeitet bis in Tiefen von 300 Metern, vollständig ohne Beifang. Laserführung und Positionierungssoftware erlauben präzises Arbeiten auch unter schwierigen Bedingungen. Bis 2019 hatte der Reef Sweeper bereits über 1.000 Feuerfische allein aus Bermudianischen Gewässern entfernt.

Parallel arbeiten BIOS und die Regierung an weiteren Werkzeugen. Getestet wurden speziell modifizierte Hummerfallen, Unterwasser-Videokameras zur Bestandserfassung sowie eDNA-Analysen, bei denen sich die Anwesenheit von Tieren durch genetisches Material im Wasser nachweisen lässt.

Culling alleine reicht nicht

Toter Feuerfisch in der Hand gehalten

Eine 2023 veröffentlichte Studie im Fachjournal Coral Reefs untersuchte die Wirkung von regelmäßigem Culling an Tiefwasser-Hotspots in Bermuda. Die Dichte sank bei kontinuierlichem Abschießen deutlich und der Anteil weiblicher Tiere ging zurück. Das bremste die Reproduktion. Allerdings überlagerten saisonale Schwankungen der Umgebungsbedingungen die Effekte so stark, dass eine klare Kausalität schwer zu belegen ist. Culling hilft, aber nicht einmalig. Es muss dauerhaft, intensiv und gezielt betrieben werden. Das bermudianische Umweltministerium bestätigte 2025 offiziell, dass eine vollständige Ausrottung des Feuerfisches nicht mehr möglich ist. In flacheren Gewässern hat regelmäßiges Culling die Bestände stabilisiert. Im Tiefwasser bleibt die Lage schwieriger. Das ist kein Versagen, das ist Realismus. Bermuda gehört zu den wenigen Orten weltweit, die das Problem so konsequent angehen.

Feuerfisch essen: Der Eindringling landet auf der Speisekarte

Bermuda hat versucht aus der Not eine Tugend zu machen, getreu dem Motto „Eat ‚em to beat ‚em“. BIOS entwickelte gemeinsam mit lokalen Restaurants und Märkten ein Pilotprogramm, das zertifizierten Tauchern erlaubt, gefangene Feuerfische zu verkaufen und damit eine nachhaltige Kleinfischerei aufzubauen. Restaurants wie Huckleberry und Supermärkte wie Miles haben Feuerfisch bereits in ihr Angebot aufgenommen. Damit ist der Lionfish in der Bermuda Cuisine angekommen. Das Fleisch ist weiß, mild und nach Aussage aller Beteiligten ausgesprochen gut. Wer Feuerfisch isst, hilft dem Riff. Das ist kein Marketingslogan, sondern buchstäblich wahr.

Feuerfisch-Stich: Giftig, schmerzhaft, aber nicht tödlich

Das Giftsystem des Feuerfisches ist kein aktiver Angriff, sondern reine Verteidigung. Der Feuerfisch trägt 18 Giftstacheln, 13 auf dem Rücken sowie je zwei am Bauch und am Schwanz. Eine Feuerfisch-Verletzung durch einen Stich ist vergleichbar mit einem starken Bienenstich. In selteneren Fällen kommen Übelkeit und Schwindel hinzu. Wirklich gefährlich wird eine Feuerfisch-Wunde vor allem dann, wenn sie nicht richtig behandelt wird. Das betroffene Körperteil muss so heiß wie möglich in Wasser getaucht werden, ohne sich dabei zu verbrühen. Das hilft dabei, das proteinbasierte Gift zu zersetzen. ist ein Feuerfisch-Stich tödlich? In der Regel nicht, aber bei Allergien oder Vorerkrankungen ist ärztliche Behandlung zwingend. Das Feuerfisch-Gift bleibt auch nach dem Tod des Tieres für einige Zeit aktiv. Wer beim Tauchen einem Feuerfisch begegnet, sollte Abstand halten und ihn nicht berühren. Sichtkontakt kann man über lionfish.bm melden.

Was bleibt?

Feuerfisch an einem Bullauge

Der Feuerfisch ist in Bermuda keine exotische Kuriosität mehr. Er ist Teil des Riffs, ein dauerhafter Bewohner, der gekommen ist und nicht mehr geht. Über 28.000 Tiere entfernt, ein auf Bermuda entwickelter Roboter im Einsatz, internationale Forschungskooperationen mit BIOS, und trotzdem sitzt der Kern der Population tief, unerreichbar, und reproduziert sich weiter. Bermuda ist eine Insel von 54 Quadratkilometern mitten im Atlantik. Kein Festland im Rücken, kein Ausweichen, kein Ignorieren. Für das Meer rund um diese Insel gibt es keine übergeordnete Behörde, keinen größeren Nachbarn, der einspringt. Bermuda ist auf sich allein gestellt. Genau das erklärt, warum die Reaktion auf die Feuerfisch-Invasion hier so konsequent ausfiel wie kaum anderswo in der Region. Die Bermuda Lionfish Task Force, die Winter-Derbys, der Reef Sweeper, das Verkaufsprogramm für Culling-Taucher, all das ist nicht vom Himmel gefallen. Es ist das Ergebnis einer kleinen Gemeinschaft, die ihr Ökosystem kennt und verteidigt.Was bleibt, ist kein Happy End, aber auch keine Niederlage. Es ist Bermuda, wie es immer war. Eine Insel, die mit den Bedingungen des Atlantiks lebt, nicht gegen sie.

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